Ich kann lieben

 

Gebirge

 

Samara hatte ihr dazu geraten. 

Reinhard erklärte sie für verrückt.

 

Nicht ein SMS war von ihm angekommen, seit sie in den Bergen war und kletterte, was das Zeug hielt, tatsächlich wie eine Verrückte, wenn sie ehrlich mit sich sein sollte. Wer soll schon ehrlich sein? Einen ehrlichen Menschen wollte sie einmal sehen, einen einzigen. Zahlen waren immerhin verlässlich. Die Sache mit der Wahrscheinlichkeit. Den einzigen Grund, warum sie in ihrem Beruf Erfolg hatte, musste sie ihrer Kenntnis der Wahrscheinlichkeitsrechnung zuschreiben. Reine Mathematik. Die anderen beherrschten es einfach nicht so wie sie. Es bildetet in jedem Kundengespräch die verlässliche Grundlage. Nur die anderen waren erstaunt, warum ihre Geschäftsabschlüsse auch nach Jahren noch immer bemerkenswert im Plus standen. Allerdings hatte sie der Mathematik von Beginn an den Faktor X beigestellt. Diesen Faktor konnte sie sich selbst nicht vollständig erklären. Er zeigte sich wie eine Spur aus dem Jetzt, ein Pfad, der sich vor den Füssen in die Zukunft schlängelt, manchmal gerade, manchmal verschroben. Wie ein Super 8 Film flimmerten die Stationen der Kundenbiographie vor ihrer Retina. Oft sah sie etliche Menschen den Weg kreuzen, Fahrten durch Gelände und  auch ausserodentliche Ereignisse, wie Unfälle oder Krankheiten.  Sie wusste, dass die anderen Kollegen sie heimlich beneideten. Reinhard allerdings nicht. Er hatte keinen Ehrgeiz. Aber er sass ja auch nicht jeden Tag mit ihr im gleichen Büro. Und Neugier fehlte ihm vollständig. Während die Gedanken immer wieder um Rendite, Reinhard und Samara kreisten, stapfte Grit den schmalen Felsgrat immer weiter in die Höhe. Allein im Gebirge. Das war eigentlich eine Unmöglichkeit, aber der Bergführer hatte sich am Tag ihrer Ankunft den Knöchel verstaucht und seine Vertretung war ihr beim Händeschütteln so unsympathisch vorgekommen, dass sie dankend ablehnte. Sie benötigte Ruhe, nach jahrelangem, problemlosen Ineinandergreifen der feinen Zahnrädchen. Alltag. Sie hatte bis heute zu funktionieren gewusst. Alles stand jeden Morgen neu an seinem ihm zugedachten Platz und fügte sich reibungslos in den bestimmten, zweckmässigen Ablauf. Warum nur hörte sie immer wieder die seltsame Stimme der Grossmutter: „gib auf die Steine acht, Kleines, auf die Steine.“ Die anderen Mädchen hatten ihre Puppen, zu den Puppen die Kleidchen. Sie hatte als Kind die Steine. Herzsteine in allen Grössen: „ist das ein Herzstein?“ fragte sie immer wieder.

Der Weg zog sich unter eine Felswand geduckt weiter nach oben, wurde steiler und beschleunigte Atem und Puls. Was treibt zur Eile an? Das Unerledigte? Das Geschiedene? Ein gemaltes Felsenplateau sagte: „Setz dich jezt hin und schau mal“. Ein blutroter Storchenschnabel lächelte ihr auffällig zu. Die Felsenbirne kauerte sich verschämt an die aufgetürmte Wand. Wo sind die Gämse? Hier sollten doch Gämse sein!  „Herrjeh, die sind nie dort wo es stürzt“ nuschelte das Felsenschötchen und dachte das Latein zu Ende. Die Zauneidechse floh panisch durch die Füsse nach links und fiepte: „ Wo es stürzt, wo es stürzt!“ Dann wurde es dunkel auf der Retina. Sie dachte: Das ist der blinde Fleck. Im Steingewitter brach der Fels und grollte sich abwärts. Ein Kleid in seltsamen Mustern flimmerte das Tal hinab, flatterte bunt durch die Steinmassen und kam weit unten zum erliegen. Eine Staubwolke verhüllte die Gedanken. Ein einzelner schob seinen Fühler vor: Der blinde Fleck. Immerhin lag sie oben. Die Extremitäten waren ungeknickt. Etwas kam in Wellen, flutete über sie hin, strömte ab, das Felsenmeer, kam es ihr, macht so. Es war ihr Atem. 

 

 

 „Was wird nur Reinhard dazu sagen! Samara kann damit ja umgehen, irgendwie, aber Reinhard? Du hättest auf ihn hören sollen, ihn ein wenig ernst nehmen, dann läge keine zerfetzte Fahne im Gebirg!“

 

Grit tanzten die Worte irgendwo am Haaransatz herum.

 

„Wenn du Glück hast, ist nichts Wesentliches gebrochen, Schürfungen hie und da, neue Muster im unsäglichen Kleid, eine kleine Verstauchung, der ein oder andere blaue Fleck, wenn du Glück hast, sage ich.“

 

Grit wackelte mit dem linken grossen Zeh.

 

„Die Beine sollten schon in Ordnung sein, kein Fels liegt drauf, überhaupt kein Fels auf dir, mach mal die Augen wieder auf. Was siehst du? Weiss auf Blau, Blau auf Weiss? Es lächelt nur so auf dich runter.“

 

Grit folgte einer bauschigen Wolke bis sie sich in einer Bergspitze verfing. Offenbar lag sie rücklinks auf einem Haufen Felsbrocken, die Glieder abgespreizt, als wolle sie die Welt empfangen, einige hundert Meter tiefer im Tal. Das Felsenplateau war verschwunden. Der Weg zum Gipfel, wenn es ihn gegeben haben sollte, musste unter dem Geröllfeld begraben liegen. Grit zog die Beine an und setzte sich mühsam auf. Das Handy zeigte einen feinen Riss im Glasdisplay. Kein Empfang. Sonst schien alles in  Ordnung. Der Rücken knackte etwas beim Aufrichten.

 

„Das wird Dir bleiben. Der Schmerz auch!“

 

Sie strich sich den Staub von Armen und Beinen, zupfte an ihrem Kleid herum und stand endlich auf. Sofort wusste sie es. Jemand hatte ihr eine Klammer um den Kopf verpasst und über den Rücken ein Muster. Ich falle aus der Gattung raus, keuchte der Atem, dann stöhnte etwas laut.

 

„Nicht wieder hinsetzen. Bleib stehen. Es wird nicht weniger.“

 

Mensch. Wie sollte sie so nach Hause kommen? Die Knochen. 

 

"Los jetzt, wir haben keine Ewigkeiten Zeit"

 

Grit setzte einen Fuss vor den anderen. Links-rechts, links-rechts. Das schien zu funktionieren. Anfangs knackte der Rücken bei jedem Schritt. Dann bemerkte sie, wie der rechte Fuss auf den Boden aufgesetzt werden musste- ein klein wenig sanfter. Mann o Mann. Während sie so über die Geröllhalden hinweg schlurfte, stellte sie eine Art Ungleichgewicht fest.

 

"Ja, das eiert ganz schön" tönte es wieder von hinten.

 

"Halt doch endlich mal deinen vorlauten Mund", hörte Grit sich sagen.

 

"Na Na Na. Wer will denn da gleich die Fassung verlieren?"  

 

"Wer bist Du eigentlich, du Knarz Stimme?"

 

"Knarz Stimme? Warum gibst du mir dann kein Wasser?"

 

Grit drehte sich endlich um. Was sie da sah wollte sich auf der Netzhaut nicht richtig scharf stellen lassen. Steine. Aufgetürmte Steine. Irgendwie zu einer komischen Gestalt zusammen gesetzt. Granit, der sprechen konnte. Sie versuchte die Augen oben zu finden und fest zu fixieren. Blinzelte das? Blau.

 

"ja da staunste was"

 

"nenene staunen trifft es nicht genau; was willst du von mir?" 

 

"was ich von dir will?"  

 

"bist du ein Papagei, oder was?"

 

"seh ich aus wie ein Papagei? Keinesfalls, also was will ich eigentlich?"

 

"Mann o Mann, du bist nicht der Hellste, wirklich nicht"

 

"wie stehts mit dem Wasser? kein Mensch kann mit so einem trockenen Mund sprechen"    

 

"Du bist kein Mensch"  

 

„Warum eigentlich nicht, ich unterhalte mich gerade mit dir"

 

"das reicht aber nicht, um Mensch zu sein"  

 

"Soso meinst du- was fehlt denn dann?"

 

Grit zögerte. Dann kramte sie die Wasserflasche aus dem Rucksack und reichte sie in Richtung Stein.

Mit dieser unsäglichen Hand grabschte das Steinding die Flasche und führte sie ins Gesicht. Da wo der Mund zu vermuten war gluckerte es hinunter. Grit konnte es sich nicht verkneifen und schaute hinunter auf den Boden. Doch da blieb es vollständig trocken. Einen Augenblick später war der Wasserproviant aufgebraucht.

 

"so, jetzt kanns weitergehen" brabbelte es und rülpste.

Mann o Mann.

Diese ungleiche Zweiergruppe setzte ihren Weg talab fort, leicht hinkend, leicht torkelnd und so ziemlich langsam. Hartnäckig schwieg Grit. Sie wollte nicht ein einziges Wort mehr reden. Was sollte das denn? Sie drehte sich nicht um und versuchte verbissen die Geschwindigkeit der Schritte zu erhöhen, allein der Rücken liess nur eine bestimmte Anzahl zu. Viel zu wenig. Jedenfalls um diesen Begleiter loszuwerden. Das Klackern und Klopfen hinter ihr wurde nicht leiser. Im Gegenteil. Es begann sich in ihrem Kopf festzusetzen. Was für ein Hall. Der wuchs mit dieser Klammer mehr und mehr zusammen. Wenn das mal keine Migräne ist, dachte sie. Nun. Vielleicht würden Medikamente ansprechen. Es gab doch Medikamente gegen Migräne. Aber die mussten immer rechtzeitig verabreicht werden. Bei ihr war es vielleicht schon zu spät. Die einzige Möglichkeit, den grossen Anfall aufzuhalten, war möglicherweise im Moment der Abreise von zuhause vertan worden. Seis drum. Keiner der Ärzte hatte sie bisher überzeugen können. Da es aber dieses Wort nun einmal gab, musste ja irgendetwas dahinterstehen. Heilung. Heil. Heile Welt. Wie konnte das möglich sein? Wenn man darüber nachdenken wollte wurde es immer so unruhig, dass sie augenblicklich wieder davon abliess. Grit hatte hier keinen Pfad, der sich in die Zukunft schlängelte. Das Rätsel war nun einmal da, ob man darüber nachdenken wollte oder nicht. Es kam ihr bisweilen gefährlich nahe. Der Spaziergänger wähnte sich vielleicht in Sicherheit, geht den gewohnten Weg durch nahen Wald. Er will nicht glauben, dass diese Geräusche von den Wölfen kommen, ein Knacken, ein Wispern, manchmal ein Heulen. Man verstopft das Ohr. Zuhause angekommen, wartet der Alltag, Vorbereitung immer auf irgendwas. Aber es gab auch ihn: den Wolf im Schafspelz. Aus der Cafetasse. Dem Bügeleisen. Der Schranktür. 

Da klingelte das Handy. Grit kramte in der Seitentasche und entsperrte.

 

"Liebling, Gott sei Dank, Gritchen, Kleines, wie gut, dass ich Dich erreiche, wo bist du denn, wie geht es Dir?"

 

Die Stimme der Mutter klang verzerrt, ein leichter Doppelklang. Und hoch, sehr hoch.

 

"Mammi, gut gehts, recht gut. Ich bin schon auf dem Rückweg aus den Bergen, alles in Ordnung."

 

"Bist du gesund" fragte Gisela eindringlich. "Vater lässt dich grüssen".

 

"Ja Mammi, es geht schon, die Berge sind grossartig, eindrucksvoll"

 

Aus ihrem Rücken klapperte es.

 

"Steinschlag haben die gezeigt, Gritchen, richtige Lawinen, da wo du wanderst, aber keine Verletzte, gehts dir wirklich gut?"

 

Die Mahlgeräusche von hinten wurden laut.

 

"Was macht denn da so, ich kann dich kaum verstehen"

 

"Die Strasse Mammi, ich stehe an der Strasse. Sag Papa einen Gruss. Ich komme euch besuchen, sobald ich zurück bin. Küsschen"

 

Grit warf den Kopf in den Nacken und seufzte.

 

"Das wird so nicht funktionieren" schnarrte es.

"Gar nicht funktionieren"

 

"Was weisst du schon von solchen Sachen Steindings. Stör mich nicht beim Telefonieren"

 

Da schlug es vor ihr ein. Ein Felsbrocken rollte rechts den Abhang hinunter. Dann ein zweiter, grösserer, knallte vorne auf den Weg.

 

"Warst Du das?" rief Grit, als der nächste Block über ihren Kopf segelte und drehte sich um. Das Ding hatte seine Farbe verändert. Irgendwie rötlich.

 

"ich bin kein Ding, kein Ding" schepperte es gegen die Brust. Die Rippen vibrierten unangenehm.

 

"Was denn dann, du Steinfigur, was denn, schrie Grit"

Die Stimme überschlug sich. 

 

"Du hast mir keinen Namen gegeben, Grittchen, noch gar keinen Namen" schmetterte der Stein auf sie.

Dieses Zittern. Der Körper schlotterte bedenklich. 

 

"Wie willst du heissen, Grosser? Benedikt? Hassan? Rüdiger?"

 

"Ich will heissen wie Du. Ich will Grit heissen!"

 

Kommt nicht in die Tüte. Das geht nicht.

 

"Ich will Grit sein"

 

"Hör auf damit. Es gibt schon eine Grit. Es braucht keine zweite"

 

"Du bist lieblos"

sagte der Stein plötzlich ganz leise und wurde wieder grau.

 

"Was verstehst du schon davon. Warum gehst du nicht zurück in die Berge? Jeder kleine Gipfel hat da seinen eigenen Namen, jeder noch so mickrige Pass"

 

"Das geht nicht mehr" brummte es missmutig. "Du hast mich doch gerufen"

 

"habe ich nicht"

 

"und jeder Ruf wird beantwortet, das kann ich dir sagen"

 

"Hartnäckig bist Du schon. Du willst einen Namen? Also gut. Ich werde dich vorläufig Mannorino nennen"

 

Es klackerte ein wenig. "Mannorino?"

 

"Ja genau. Du bist Mannorino der Erste. Aber den Zusatz werde ich weglassen. Mannorino kann immer noch zurück in seine Steinwelt, es ist noch nicht zu spät dafür. Ruf hin oder her.

 

"Du verstehst gar nicht so viel" nuschelte Mannorino "gar nicht so viel"

 

"Ist klar. Aber du. Du verstehst die Welt"

 

"ein wenig schon- ich habe lange gewartet, da bekommt man so einiges mit"

 

"Zum Beispiel?"

 

"Zum Beispiel bist Du gar nicht richtig glücklich, nicht so, wie Du es sein könntest"

 

"Ah. Doktor Mannorino hat Psychologie studiert und blättert in den Handbüchern. Soso"

 

"Deine Kleider beispielsweise"

 

"Was ist mit meinen Kleidern?"

 

"Du weisst nicht, warum Du sie wählst"

 

"Immerhin hab ich welche, Mannorino, Kleider, die mich bedecken"

 

"sie passen aber gar nicht zu Dir, passen gar nicht"

 

"so, findest du"

 

"ja du siehst so lustig darin aus, so spröde, als ob jemand mit dir spielen wollte, dich auf ein Sofa setzen wollte, wie ein stummes Ding""

 

"Du spinnst. Du hast zu viele Sommer in der Höhensonne gebrutzelt"

 

"Nun ja, die Sommer sind schon speziell gewesen, als ob jemand dir auf den Grund sieht, aber das ist eine andere Geschichte"

 

"Blablabla, weiser Mannorino, ich gehe jetzt weiter, letzte Chance in deine Urwelt zurück zu wackeln"

 

Das seltsame Gespann setzte sich wiederum in Bewegung, hielt sich rechts vom Bach, der die Zuströme von den Gipfeln nacheinander alle in sich aufnahm und anwuchs. Es fand sich ein Begleiter hoch oben in den Lüften. Dort zog der Aar ruhige Kreise, malte unsichtbare Linien ins flockige Blau. Der Wind zerstreute die Wolken, strich sie geduldig aus, bis nur noch feine, weisse Streifen über den Himmel geflochten waren. Die Klammer um Grits Kopf lockerte sich ein wenig und entliess Gedanken nach oben. Flatternd und kreischend stieben sie in alle Richtungen fort, ziellos, wild. Nicht zu deuten der Flug. Einer der Vögel verfing sich in Mustern von Stoff, streifig, kariert, wollte nicht mehr freikommen. Er liess sich zwischen den Puppen nieder, zupfte am Stroh, rupfte heraus was das Zeug hielt. Gisela schrie: "jag das weg, treib sie raus!" "Mutter, lass es einmal gut sein" "Bald werden sie ganz fort sein. Ja, wenn sie alles zerstört haben, alles zerfetzt. Ich will das sie ganz bleiben, dass sie immer bleiben, wie ich sie hingesetzt habe, mit geradem Rücken und gefalteten Händchen"  "Mutter! Es ist keine Puppenzeit mehr! Die Zeit der Puppen ist zu Ende. Gib sie endlich auf" "Niemals! Mein kleines Gritchen. Nie" "Ach Mutter"

Ein anderer Vogel mit grünem Gefieder strauchelte auf der Weite von Getreide. Gerade dort wo Musik spielte. Ein Cello im Roggen. Er versuchte mühsam die Flügelspitzen im Takt zu bewegen. Es sollte doch gelingen, diese Sarabande zu tanzen. Kleiner hinkender Vogel.

Der dritte, graustichige, segelte langsam in die Schneisen einer Stadt. Wie in Zeitlupe eierte er auf einen Balkon zu und traf die Mitte der Glastüre. Boing. Keuchend fiepte er Töne. Aber es kam niemand raus. Kein Schälchen Wasser stand bereit. Der Vogel zerfloss.

 

"Du hast das nicht im Griff, gar nicht im Griff, Grit" murmelte es aus dem Rücken heraus.

 

"Mannorino! Kluge Kommentare abgeben, den Senf immer dazu geben ist nicht gerade originell. Alle können das tun"

 

"Zuerst müssen sie alle zusammenspannen. Deine Vögel. Die haben nicht die Bohne von Disziplin beim Fluge"

 

"Disziplin? Was weisst Du von Disziplin?"

 

"Genug, Kleines, genug. Sogar Schmetterlinge haben davon mehr als Du. Die kommen über die Alpen, kann ich Dir sagen, über die Alpen kommen die, aber nicht wie Düsenjäger, gar nicht so plump, die wählen den Abflug geschickt, nützen den Föhn, treffen genau den Moment. Dann segelt die Schmetterlingswolke in die Höhe. Ihr wisst gar nichts davon. Das lässt sich nicht ausrechnen"

 

"Schmetterlinge über die Alpen?"

 

"Klar! Aber die Vogelschwärme können mehr. Länder rutschen unter denen dahin, während sie in Formation gleiten, der eine an der Spitze hat den Plan, den Kompass in den Brustfedern, die andern im V dahinter, wie schön ist das denn, Grit, das Schönste was ich gesehen habe dieses V"

 

"Mannorino Du überraschst mich wirklich. Warum bist du nicht dageblieben? Jahr um Jahr könntest du weiter träumen. Kehr doch mal um. Geh endlich zurück"

 

"Den Plan haben sie noch nicht, deine Vögel. Manche haben nicht mal ein Ei gelegt. Geschweige denn, dass es gewogen wäre. Mancher Wunsch wiegt schwer. Zu schwer für das zarte Federkleid. Dein Vogel strauchelt. Er trägt zu schwere Last"

 

"Mein Gott Mannorino. Du kannst wirklich nerven"

 

"Grüss Gott!"

rief eine gebrechliche Stimme von vorne. Grit und Mannorino drehten sich verdutzt um. "Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Im oberen Tal ist Steinschlag, schon den ganzen Tag, man weiss nicht, ob jemand verschüttet wurde. Es gibt schon Wanderer um diese Zeit da oben" "Bei uns ist alles so etwas von in Ordnung, besser geht es gar nicht, das sehen sie doch" ging Mannorino den Mann an. Grit verzog unwillkürlich das Gesicht. Der Alte wandte sich an sie, fragte noch mal. "Ist wirklich alles in Ordnung?" Grit konnte nur mühsam sprechen. Sie musste die Worte aus dem Mund herausschieben. "Ja. Es geht schon. Nichts für ungut. Wir sind auf dem Heimweg" 

"Ihr Kleid hat einen Riss hinten, wissen sie?"

"Wir müssen weiter" blaffte Mannorino, nahm Grit an der Hand und zog sie am Alten vorbei. Der blieb noch eine Weile stehen und schaute.

Grit konnte ihre Hand nicht aus dem Stein herausziehen. Er stapfte so schnell talab, dass sie stolperte.

 

"Stopp!" kreischte sie mit voller Stimme. 

 

Mannorino liess los. Gritt verlor das Gleichgewicht und stürzte auf den Weg. Es krachte etwas in den Beinen.  Das rechte Knie war aufgeschürft und blutete. Sie riss einen Stofffetzen aus dem Kleid und legte ihn über die Wunde. In der Kniekehle machte sie einen Doppelknoten.

 

"Was ist los mit Dir? Mannorino?

 

Der zeigte ihr den Rücken. Schwieg.

 

"Was hast du?"

 

"Wir haben gerade gesprochen"

 

"Und?"

 

"Der Alte hat gestört"

 

"Und?"

 

"Ich lasse mich nicht stören"

 

"Ach so. So einer bist du. Das wird nicht funktionieren. Gar nicht funktionieren. Menschen stören sich. Geben sich trotzdem normal Antwort"

 

"Normal Antwort" nuschelte der Stein "ist es das, worin du gut bist, normal Antwort geben?"

 

"Ich kann es immerhin, wenn es nötig ist. Du solltest das lernen"

 

Die beiden wackelten am Bach entlang. Sprachen kein Wort. Grit dachte: mehr humpeln geht nicht. Was sollte sie zuhause sagen. Am besten gar nichts. Alle Fragen einfach ignorieren. Zum nächsten Punkt übergehen. Das hatte sie doch in den Seminaren trainiert. Mit Samara würde es allerdings kaum gehen. Sie hatte ihm schon etwas von sich gezeigt. Den anderen natürlich auch. Reinhard kannte einen Teil, aber das waren überwiegend Rollen, die sie spielte. Nicht alles. Bei der Mutter schon. Da gab es Versuche auszubrechen, ein Fenster aufzureissen, etwas zu zeigen. Das hatte nicht funktioniert. Nähe wollte sich nicht einstellen. Grit wusste nicht richtig, was das sein könnte: Nähe. Wie es sich anfühlt. Wieder dieses Quadrat: 6x6 Meter. Wohnzimmer genannt. Diesmal von oben. Drinnen ein kleineres Rechteck. Den Teppich hatten die Eltern während eines Urlaubs in der Türkei gekauft. Da hatte sie sich schon draufgesetzt, im Geschäft. In der Ecke sass der Mann mit den dunklen Augen. Schwarz. Glänzend. Ihr eigenes Spiegelbild kam ihr entgegen, als der Mann sich niederbeugte und ein Gebäck hinhielt. Sie sah sich lächelnd in den schwarzen Augen. Leise Musik drang durch den Vorhang hinten in der Ecke. Grit löste den Keks im Mund auf, machte nichts mit ihm. Wartete einfach, bis die Süsse sich immer mehr entfaltete. Später nannte sie es Glück. Immer wieder suchte sie danach im Wohnzimmerquadrat. Setzte sich genauso auf den handgewebten Zauberteppich und wartete. Es blieb   still. Dann holte Grit die Puppen. Sie umarmte alle auf einmal weg von der Couch. Ein Kleidchen nach dem anderen wurde ausgezogen. Auf die Knöpfchen. Gib auf die Knöpfchen acht. Ja. Ihr kleinen Knöpfchen geht jetzt auf. Die Kleidchen lagen im Kreis, entblättert. Eine Sonnencorona von Mustern. Und in der Mitte das nackte Stroh. Mit Draht zusammengehalten. Könnte dies Schönheit sein? Die Elemente regelmässig zum Zeichen geordnet? Von oben sieht man die Mutter kommen. Sie bleibt stehen, erstarrt. Es bleibt lautlos. Doch da müssen Schreie sein. Die Hände fuchteln seltsam. Eine trifft Grit ins Gesicht. Man meint, das Köpfchen hänge. Dann kommt eine Schwarzpause. Später auf der Couch sitzt die Mutter mit der Tochter. Auf dem Schoss. Trost und Ermahnung. Ermahnung und Trost. Beides findet seinen Weg nicht. Das Herz bleibt still. Das Ungelöste bleibt zurück. Diese Mahnung wenigstens. Vielleicht nicht vergeblich. Der Salzgeschmack. Später sollte er sich von Zeit zu Zeit erneuern. Schon längst aus dem Quadrat entwichen, fand er immer wieder Momente, hervor zu quellen, auf der Ratlosigkeit den bitteren Klang herauszulösen. Pampelmuse. Nie verstanden, wie man die essen konnte. Pampelmusenzeit. Reinhard. Reinhard Störk. Der hätte sie vielleicht essen können. Sie brachte immer mal wieder welche vom Einkauf mit, drapierte sie verdächtig regelmässig in der Steinschale. Die Pampelmusen nahmen einfach nicht ab von der Zahl her. Aber innen. Da wurde dieser Saft gepresst. Die Worte. Grit hatte keine Worte für diese Welt Dinge. Im Herz. Was willst du denn? fragte Reinhard bisweilen. Was soll ich denn tun? Halte mich. Halte mich fest. Wenigstens. Mehr als zwei Jahre in einer anderen Stadt. Zwei Wohnungen. Zwei Lebensläufe. Zwei Flüsse mit eigenem Quell. Maria hatte gesagt: Vergiss den, Grit, vergiss ihn sofort. Das war nach dem ersten gemeinsamen Abendessen. Dieser Schock. Woher nahm Maria Kronauer nach einem Abendessen solche Deutlichkeit. Sie waren in Streit geraten darüber. Maria hatte Grit in den Arm genommen. Und wieder. Blieb es verschlossen. Das Innen. Noch mehr Wut quoll hervor. Was bildest du dir ein, so zu urteilen. Ach Grit, du wirst schon sehen. Du wirst an mich denken. Und wie hatte sie es hinuntergewürgt. Das Omen. Mit aller Kraft verdrängt. Fast erfolgreich. So schlecht war sie darinnen nicht. Aber in die Arme von Samara hatte es Grit abgetrieben. Der machte sie jedoch nicht auf. Der hatte sein Cello. Seine Welt. Grit wusste, dass sie dort nicht aufgestellt werden konnte, dass es keinen rechten Platz dort gab, für sie. Nicht einmal zu denken gewagt. Samara war ihr Freund, nicht mehr und nicht weniger. Aber gelernt hatte sie von ihm. Deshalb blieb es auch nicht still. Quadratisch. Auch das war für Reinhard ein Quadrat. Du willst am Wochenende zu Samara? Kein Problem. Du gehst auf sein Konzert in Köln? Super. Nicht die Spur von Eifersucht. Wenn du wüsstest, dachte Grit, wenn du wüsstest. Was ich selbst nicht weiss. Aber dann gäbe es andere Formen. Doppelgebogen beispielsweise. Was willst du von mir? hatte Grit Reinhard vor der Abreise ins Gebirge gefragt, eindringlich.

Dieser drei Sekunden Test.

Auch den hatte sie verdrängt.

Es war nichts gekommen von Reinhard Störk.

Vielleicht hatte auch er keine Worte.